Muttergedichte



An die Mutter

Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir
So lang dir kommt, lass keinen Zweifel doch
Ins Herz, als wär die Zärtlichkeit des Sohns,
Die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust
Entwichen. Nein, so wenig als der Fels,
Der tief im Fluss vor ew'gem Anker liegt,
Aus seiner Stätte weicht, obgleich die Flut
Mit stürm'schen Wellen bald, mit sanften bald
Darüber fließt und ihn dem Aug entreißt,
So wenig weicht die Zärtlichkeit für dich
Aus meiner Brust, obgleich des Lebens Strom,
Vom Schmerz gepeitscht, bald stürmend drüber fließt
Und von der Freude bald gestreichelt, still
Sie deckt und nie verhindert, dass sie nicht
Ihr Haupt der Sonne zeigt und ringsumher
Zurückgeworfen Strahlen trägt und dir
Bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt.

Johann Wolfgang von Goethe


An meine Mutter

1.
Siehe! von all den Liedern nicht eines gilt dir, o Mutter:
Dich zu preisen, o glaub's, bin ich zu arm und zu reich.
Ein noch ungesungenes Lied, ruhst du mir im Busen,
Keinem vernehmbar sonst, mich nur zu trösten bestimmt,
Wenn sich das Herz unmutig der Welt abwendet und einsam
Seines himmlischen Teils bleibenden Frieden bedenkt.

2.
Ach, wie liebreich warst du der Welt und dientest allen!
Und wie klein doch, wie plump hat sie dich endlich verkannt!
Da entsagtest du ihr; doch lächelnd wehren die Deinen
Heute und gestern der Hand, die sich in Liebe vergisst.

Eduard Mörike


An meine Mutter

Im tollen Wahn hatt ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehen die ganze Welt zu Ende
Und wollte sehn, ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.

Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Türe streckt ich aus die Hände
Und bettelte um kleine Liebesspende -
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.

Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.

Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! Was da in deinen Aug geschwommen,
Das war die süße, lang gesuchte Liebe!

Heinrich Heine


An meine Mutter

Und ob der Mai auch stürmen will
Mit Regenguss und Hagelschlag,
Wie ein verspäteter April:
Er hat doch einen schönen Tag.

Hat einen Tag, der schlimme Mai,
Viel lieber als das ganze Jahr,
Und wo es schien mir einerlei,
Ob trüb der Himmel oder klar.

Und ist er trübe auch, ich fand
Mein Sträußlein doch in Wald und Ried
Und kann doch küssen deine Hand
Und sagen dir ein schlichtes Lied.

Annette von Droste-Hülshoff


Das Mutterherz

Mutterherz, o Mutterherz,
Ach! Wer senkte diese Regung
Diese flutende Bewegung,
Diese Wonne, diesen Schmerz
Süß und schauervoll in dich?

Gott, der Herzenbilder,
Sprach zur roten Flut
In den Adern: Milder
Fließe, still und gut!
Und da strömten Flammen
Alle himmelwärts
In der Brust zusammen,
Und es ward ein Mutterherz.

Mutterherz, o Mutterherz!
Diese liebevolle Regung,
Diese flutende Bewegung,
Diese Wonne, diesen Schmerz
Senke Gott, nur Gott in dich!

Christian Schubart


Der Mutter vorzusingen

Ach wär' ich ein Vögelein,
Ich wüßt', was ich tät':
Ich lernte mir Lieder
Von morgens bis spät.
Dann setzt' ich mich dort,
Wo lieb Mütterleib wär',
Und säng' ihr die Lieder
Der Reihe nach vor.

Und wär' ich ein Schuster,
Ich hätt' keine Ruh',
Ich machte für mich
Und fürs Mütterlein Schuh';
Die wären zum Tanz
Nicht zu kurz, nicht zu lang,
Dann tanzten wir beid'
Nach der Vöglein Gesang.

Und wär' ich ein Fischlein,
Ich wüßt', was da wär':
Ich tauchte zum Grunde
Tief unten ins Meer,
Holt' Bernstein und Muscheln -
Ihr glaubt, nur für mich?
Der Mutter den Bernstein,
Die Muscheln für mich.

Und wär' ich ein Schäflein,
Da hab' ich im Sinn:
Ich gäb' alle Wolle
Dem Mütterlein hin,
Die spinnt dann die Wolle
Und strickt sicherlich
Zwei Dutzend Paar Strümpfe
Für sich und für mich.

Und wär' ich ein Schneider,
Ich wüßt', was ich sollt',
Ich macht' ein paar Kleider
Von Seiden und Gold,
Das eine wär' groß,
Und das andre wär' klein,
Der Mutter das große,
Das kleine wär' mein!

Und wär' ich der Winter,
Es sollt dich nicht reun,
Das Eis und der Schnee
Müssten Zucker dann sein,
Und die Erde der Kuchen,
Den brockten wir fein,
Meine Mutter und ich,
In den Kaffee hinein.

Doch mancherlei mocht' ich
Denn doch wohl nicht sein:
Nicht Äpfel, noch Kirschen,
Nicht Wasser, nicht Wein;
Denn äßest du mich,
oder tränkst du mich aus,
Dann hätt' meine Mutter
Kein Kind mehr im Haus.
Der Mutter!

Robert Reinick


Erlebnis

Oft denk ich deiner nicht durch Tag und Stunden,
Das Leben treibt mich strudelnd hin und her;
Dann kommen Nächte, taub und dumpf und leer,
Dann, Mutter, dann muss ich durch dich gesunden.

Wie oft nicht hab ich's seltsam süß empfunden,
Als legte auf mein Haupt so heiß und schwer,
Sich eine Hand wie eine heil'ge Wehr,
Sanft, leis und lieb, bis mich der Schlaf gefunden.

O Mutterhand, hilfst du mir auch durch's Morgen?
Ich werde zag, gedenke all der Sorgen,
Der Wünsche aller, die durch mich zu dir

Geflossen aus dem Mutterherz, dem warmen,
Und doch, das Schicksal muss sich ja erbarmen,
Sonst, Mutter, wie bestünde ich vor dir?

Walter Flex


Heimat

Und auch im alten Elternhause
Und noch am Abend keine Ruh?
Sehnsüchtig hör ich dem Gebrause
Der hohen Pappeln draußen zu.

Und höre sacht die Türe klinken,
Mutter tritt mit der Lampe ein;
Und alle Sehnsüchte versinken,
O Mutter, in dein Licht hinein.

Richard Dehmel


Meiner Mutter

Mutter aus der Ferne eilst du,
Deinen Sohn zu sehen,
Ach, die kranke Seele heilst du,
Linderst ihre Wehen.

Bin zermartert, bin zerschlagen
Wie im Sturm die Eiche,
Doch bei dir vergeht mein Klagen,
Gute, Milde, Weiche.

Wer der Zeit Meduse schaute
Schon mit jungen Jahren,
Wem's in Höllentiefen graute,
Früh hinabgefahren:

Lasst ihn in die treuen Augen
Seiner Mutter blicken,
Reine Wonne wird er saugen
Und sich tief erquicken.

Karl Henckell


Mutter

Alles, was schön ist, alles, was heilig,
Nennet das Wort dir:
Eine Mutter!
Alles, was Liebe, alles, was Güte,
Das ist ein Hort mir:
Meine Mutter!

Bist du vereinsamt, weit in der Ferne,
Denk nur an jene, die dich geboren,
So wird's dir Trost sein; all deine Leiden
Nimmt sie hinfort dir:
Deine Mutter!

Den nur beklag ich, der nie genossen
Mütterlich Lieben, mütterlich Walten.
Alles, was Leid heißt, trostlos Entbehren,
Klingt in dem Wort dir:
Keine Mutter!

Richard Zoozmann


Mutter

Der schönste Nam' im Erdenrund,
Das schönste Wort im Menschenmund
Ist: Mutter!
Ja, keines ist so tief und weich,
So ungelehrt, gedankenreich
Als: Mutter!
Und hat es wohl die große Macht,
Weil es von Kinderlippen lacht:
O Mutter!
Weil es aus Kinderaugen winkt,
Weil es in Kinderherzen singt:
Die Mutter!
Ja, wem auch dieses Wort erklang,
Hat hohe Würde lebenslang
Als Mutter!
Und die's besessen und entbehrt,
Der ist das Erdenglück verwehrt
Der Mutter!

Carmen Sylva


Sei getrost

Das ist die Sünde, die du fliehen sollst:
Der Hader mit dem Schicksal. Sei getrost!
Es führt dich gut, geht es auch dunkle Wege.
Folg' nur ergebenen Herzens, wie ein Kind,

Das an der Mutter Hand im tiefen Wald
Nach Hause strebt und innig sicher ist:
Die Mutter, o die Mutter kennt den Weg.

Otto Julius Bierbaum