Gedichte über Mütter und Mutterliebe


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Muttertränen

Die Mutter wiegt ihr Kindlein
Beim einsamen Lampenschein:
"Mein kleines Kind, mein glückliches Kind!
Welch Glück, so klein zu sein!

Das Glück ist wie ein Hemdlein,
Es sitzt so gut und fein;
Doch mit den Jahren wächst man draus
Und wächst sich nimmer drein!"

Die Mutter wiegt ihr Kindelein
Und sieht es an und weint;
Das Kindlein lächelt still empor,
Und weiß nicht was sie meint.

"So sah mir auch meine Mutter
Oft weinend ins Gesicht,
Ich lächelte still zu ihr empor
Denn ich verstand sie nicht.

Du hast mich erst ihr Weinen
Verstehn gelehrt, mein Kind:
Denn nur ein Mutterherz versteht,
Was Muttertränen sind!"

Johann Gabriel Seidl


Mutter unser

Mutter unser, wo bist du?
Niemals sah dich ein Auge;
Denn uns lehrten Jahrtausende
Nur zum V a t e r den Aufblick!
Deines Gewandes Wärme,
Deines Busens muttersame Ruh',
Wehe aus dem Sternendunkel
Einmal deinen Kindern zu.

Max Bewer


Nur eine Mutter weiß allein

An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!

Das Glück ist die Liebe, die Liebe ist das Glück,
Ich hab es gesagt und nehm's nicht zurück.

Hab überglücklich mich geschätzt,
Bin überglücklich aber jetzt.

Nur die da säugt, nur die da liebt
Dem Kind, dem sie die Nahrung gibt;

Nur eine Mutter weiß allein,
Was lieben heißt und glücklich sein.

O, wie bedaur' ich doch den Mann,
Der Mutterglück nicht fühlen kann!

Du schauest mich an und lächelst dazu,
Du lieber, lieber Engel du!

An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!

Adalbert von Chamisso


O Mutter, wäre das Leben

O Mutter wäre das Leben
Wie du so gut , so schön,
Mit lichtem Mantel schweben
Wollt' ich durch Tiefen und Höhn.

Auf meinem Haupte die Krone
Von sonnengold'nem Kristall,
Säng' ich zu deinem Lohne
Lieder von silbernem Schall.

Der Menschen besänftigt Gewimmel
Lauschte in frommer Ruh,
Droben aus blauem Himmel
Nickte mir Jesu zu.

O Mutter, wäre das Leben
So schön und gut wie du -
Wir aber alle kleben
Im Staube immerzu.

Karl Henckell


Schwarze Trauer

Trag dein grünes Sammetkleid,
Trag es, liebe Seele!
Lass die schwarze Trauerzeit,
Mütterlein ruht schmerzbefreit
Bei den weißen Lilien . . .

Lächelnd hebt sie sich empor
Leicht vom grünen Grunde:
"Lass nun, Kind, den Trauerflor,
Festlich ziehn im Sternenchor
Hohe Himmelstöchter . . ."

Trag dein grünes Sammetkleid,
Trag es, liebe Seele!

Karl Henckell


Totenfrühling

Dem Andenken meiner Mutter

Gesponnen mit feuchten,
Segnenden Fingern
Hat nächtlich die Flurfee
Schimmernder Schleier
Lichtgrünes Gespinst.
Nun zittern die Zweige
Von zartem Gewebe,
Und über die schwarzen,
Saftschweren Äste
Fließt hauchzarter Flor . . .
Der Mord und Gemetzel
Lässt triefen auf Erden,
Der Krankheit und Kummer
Den Menschen verhängt -
Der Kronen zersplittert
Und Keime verschleudert,
Der ewige Weber
Webt bräutliche Zier.
Tod ist gekommen,
Teures genommen,
Liebende Herzen
Geschieden in Qual:
Nimmer sich freuen
Am sprießenden Neuen
Können die Toten,
Nimmer sich wärmen am sonnigen Strahl.
Allesdurchdringer,
Sprengst du den Zwinger,
Tauchst die verloschenen Augen in Licht?
Wandelst Begrabene,
Schwebend Erhabene -
Wir nur weinen und finden sie nicht? . . .

Karl Henckell


Verspätet

Traum des Sechzigers

Durch den Abend
Hör' ich
Meiner Mutter Stimme.

Tief im Garten, hinterm Hag,
Hab' beim Spiel ich
Mich vergessen.

"Mutter, ja, ich komme!" -
"Mutter, sieh, da bin ich schon!"

Und du breitest deine Arme
Und wie einst ruh' ich an deinem Herzen. -

Mutter, ach, wie süß hab' ich geträumt,
Und wie lange ruhst du schon im Grabe -
Ruhst -
Doch als Lichtgestalt
Wandelst selig du
Durch deines Kindes Träume.

Michael Georg Conrad


Vom Grab meiner Mutter

Vom Grab meiner Mutter komm' ich gegangen.
Fragt mich nichts. Ich kann nichts wissen und sagen.
Aus ewigen Schweigens nächtigen Landen
Komm' ich gegangen, vom Grab meiner Mutter.
Mein Sinnen und Sehnen ist dort,
Mein verzweifeltes Wähnen, fort und fort,
Jenseits von allem.

Mit blutigem Herzen, zerrissen,
Mit schweren Füßen,
Vom Grab meiner Mutter komm' ich gegangen.
Des Herzens heiligste, letzte Zuflucht
Liegt unter der Erden.
Vielleicht wann des Winters Stürme vorüber,
Pflanz' ich Rosen darauf, rote und weiße,
Und der Lenz lässt sie glühen und duften,
Und des Sommers Sonne umlächelt sie,
Und von den Feldern grüßt die Saat herüber
Und manche wilde Blume.

Meine Mutter liebte das Feld
Und die Saat und die wilden Blumen . . .
Dann kommt der Herbst,
Nimmt alles hinweg,
Und dann der Winter . . .
O wie mich friert . . .

Vom Grab meiner Mutter komm' ich gegangen,
Zum Grab meiner Mutter geh' ich zurück,
Des Herzens heiligste, letzte Zuflucht
Liegt unter der Erden.
Fragt mich nichts. Was soll ich wissen und sagen?
Unerbittliches Schweigen umfängt
Die nächtigen Lande der Toten.

Michael Georg Conrad


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